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Die Welt und die Wahrheit

Rückblickend auf ein Leben, das ich in wesentlichen Bestandteilen am liebsten verleugnet hätte, war es ein grandioser Erfolg, dass aus einem saufenden Subjekt ein Mensch wurde, dessen Tagebuch es maßgeblichen Leuten wert war, veröffentlicht zu werden. Das Schreiben war in wesentlichen eine Frage der Disziplin, eine Eigenschaft, die ich unter Strömen von Alkohol mehr und mehr zu verlieren drohte. Es war also in erster Linie ein Erfolg des Charakters, des Durchhaltens und – der Überwindung. Es war ein Erfolg, auf den ich zu Recht stolz sein konnte und es auch war. Dieser Stolz, auch wenn er als Stolz eines Depressiven sehr gemäßigt ausfiel, verstellte mir beinahe den Blick auf die Menschen, die im Buch Erwähnung finden, vor allem auf die Frauen, die mein trunkenes Leben und mich aushielten und die mir, jede für sich, alle Chancen der Welt boten. Ich hatte mich für die Wahrheit entschieden, ich hatte den Entschluss gefasst, diese Wahrheit auch auszusprechen. Aber was war mit den anderen? Auf diese Frage kam ich nicht. Das war wieder bezeichnend. Zu oft schon hatte ich meinen Blick auf vermeintlich Großes gerichtet und darüber vergessen, dass die Details mindestens ebenso wichtig sind.

Es war Zufall, dass mich ein kluger Mensch fragte, gerade noch rechtzeitig, ob ich die handelnden Personen im Buch auch um ihre Erlaubnis gebeten hätte, die sie betreffenden Passagen unverändert zu veröffentlichen. Es waren dann die Frauen, die ich fragte, und deren Reaktionen bestätigten die vorausschauende Weisheit meines Ratgebers. Sie erlaubten mir, wenn auch zum Teil schweren Herzens, die Texte unverändert zu übernehmen. Aber sie alle baten mich dringend, ihre Namen zu anonymisieren. Sie nannten mir ihre Gründe, die, wenn sie auch unterschiedlich waren, für mich sehr gut nachvollziehbar waren. Ich änderte umgehend das Manuskript, nachdem ich den Verlag darum gebeten hatte, mit dem Druck noch etwas zu warten. Möglicher Schaden war abgewendet, doch was war mit mir?

Erst allmählich dämmerte mir, dass auch meine Person, mein gesamtes Inneres, meine Niederlagen und meine Schmach, nicht mehr länger nur mir gehören würden. Wollte ich das wirklich? Das Tagebuch hatte ich für mich geschrieben, nur für mich. Auch deswegen war es überaus intim, ich öffnete in ihm Türen, die ich sonst wohl für ewig verschlossen gehalten hätte. Nun könnte, wenigstens theoretisch, die ganze Welt daran teilhaben. Oft ist heutzutage die Rede vom gläsernen Menschen, gerade erst unter dem Eindruck der endlosen Diskussionen um die Vorratsdatenspeicherung und geschuldet der Tatsache, dass jedermann mit Hilfe modernster Technik bis in die feinsten Einzelheiten ausgespäht werden kann. Ich würde mich ebenfalls durchsichtig machen, und zwar aus eigenem Entschluss. Ein Buch, ist es erst einmal auf dem Markt, lässt sich nicht rückgängig machen. Selbst wenn man alle Titel wieder einstampfen lässt, bleibt es im Bewusstsein derer, die es gelesen haben, und niemand kann verhindern, dass das Gelesene natürlich auch mit anderen geteilt wird. Sollte ich tasächlich diesen Schritt wagen?

Es gab einen Tag, noch vor der Klinik, als ich zum ersten Mal aussprach, was bis dahin unaussprechbar war. Ich sagte meiner Frau, dass ich ein Alkoholiker bin. Nicht, dass sie es nicht längst schon gewusst hat, aber ohne meine Einsicht konnte sie mir nicht helfen. Dem Uneinsichtigen kann nie geholfen werden. Ich sprach eine Wahrheit aus, die schmerzte, aber mit diesem Schritt eröffneten sich mir neue Möglichkeiten. Meine Frau verachtete mich nicht etwa für das endgültige Eingeständnis meiner Niederlage, sondern signalisierte mir, dass sie mich während der Zeit in der Suchtklinik unterstützen wird. Das war der Beginn einer Versöhnung, die bis dahin nicht vorstellbar war. Nicht nach dem, was ich meiner Frau antat vor diesem denkwürdigen Tag. So lernte ich, dass man nicht automatisch verachtet wird, wenn man Schwäche zugibt. Die Veröffentlichung des Tagebuches wäre, so betrachtet, nur eine konsequente Fortsetzung eines Weges, den ich begonnen hatte zu gehen.

Ich gab das Manuskript frei. Die Zeit würde mir zeigen, ob es ein guter Weg werden würde. Die Zeit würde mir sagen, ob ich vielleicht doch einmal im Leben etwas Richtiges getan hätte.

Die Zeit ist unbestechlich.

 

 

Geschrieben von jojoswelt am 19. Mai 2012 | Abgelegt unter Leben | Kommentare deaktiviert

Joachim

Profile Geboren am 18.06.1963 in Halle. Nach Schulabschluss Tätigkeiten als Elektro-maschinenbauer, Veranstalter, Jugendklubleiter, Hilfspfleger, Krankenpfleger und Pflegedienstleiter. Verheiratet in zweiter Ehe, vier Kinder. Alkoholabhängig seit dem 16. Lebensjahr, später zusätzlich Medikamenten- und Betäubungsmittelmissbrauch. Endgültiger Zusammenbruch Ende 2009. Nach längerem Klinikaufenthalt auf der Suche nach neuen Perspektiven.

Verfluchte Vergangenheit

Eigentlich hatte ich heute vor, weiter aus den vergangenen zwei Jahren zu berichten. Sie waren ereignisreich und bedeuteten einen grundsätzlichen Wandel meines Lebens, zumindest aber den Beginn eines Wandels. Ich werde dieses Vorhaben nicht aufgeben, ich werde erzählen von dem, was war. Ich werde den schwierigen Weg eines Alkoholkranken weiter illustrieren mit all seinen Licht- und Schattenseiten. Aber heute kann ich das nicht, denn die Vergangenheit hat mich eingeholt. Sie hat mich für Tage sprachlos gemacht und ein heilloses Chaos in mir angerichtet, von dem ich hoffte, es nie wieder so erleben zu müssen.

Als ich mein Buch, meinen Trümmermann schrieb, tat ich das, um mir selbst zu helfen. Dieser Akt schonungsloser Aufarbeitung sollte mir die Wahrheit bringen, die Wahrheit eines Lebens unter Stoff. Ich wollte die Gründe wissen, die mich dahin führten, wo ich nach langen Jahren elenden Siechtums gelandet war: gestrandet in einer Suchtklinik als körperliches und seelisches Wrack, nicht mehr lebensfähig und des Lebens überdrüssig. Funktioniert hat es, ich habe sie gefunden, die Ursachen, die sowohl in meiner Persönlichkeit als auch in äußeren Umständen zu finden waren. Manchmal dachte ich, es ist kein Wunder, dass ich angefangen habe zu saufen und nicht mehr damit aufhören konnte. Dann aber hielt ich inne und appellierte an mein Bewusstsein, es sich nicht zu einfach zu machen. Eine sehr gute Freundin hat mir einmal geschrieben, dass nichts verantwortlich ist für das, was ein Mensch tut. Denn die Entscheidung zur Tat, sei sie nun gut oder schlecht, trifft der Mensch allein. Fast immer hat er die Option, das Richtige zu tun. Ich habe mir diese Meinung zu eigen gemacht. Ich sage heute jedem, der es hören will, dass ich, egal wie misslich die Umstände auch waren, immer die Chance hatte, mich für ein Leben in Würde zu entscheiden. Und vor allem sage ich es mir selbst.

Ich bin also fündig geworden in meinem Leben. Der mechanische Akt des Schreibens half meiner sehr lückenhaften Erinnerung auf die Sprünge. Lange Verdrängtes, nur zu gern Vergessenes, oft Verleugnetes schrieb ich auf geduldiges Papier. Am Ende konnte ich mich besser verstehen und hatte damit mein Ziel erreicht. Als ich den letzten Punkt setzte, war es, als ob ich eine Tür hinter mir schloss, eine Tür zu einem Raum, den ich am liebsten nie wieder betreten wollte. Und ich dachte tatsächlich, ich hätte endlich meinen Frieden gemacht. Ich dachte, ich könnte ein neues Leben beginnen ohne den Ballast der Vergangenheit. Ich dachte, ich hätte mich endlich befreit von den Fesseln, die mich an freier Bewegung hinderten. Ich habe falsch gedacht.

Vor einigen Tagen erhielt ich überraschend einen Brief von einem alten Schulfreund, der von meinem Buch erfahren und es gelesen hat. Natürlich ist ihm das Kapitel nicht entgangen, in dem ich beschreibe, was die abartigen Gelüste eines pädophilen Mannes mit dem Körper eines kleinen Jungen gemacht haben, mit seinem Körper und mit seiner Seele. Über Jahre hinweg und unbemerkt. Denn ich hielt den Mund, ich schwieg damals und brach dieses Schweigen erst im Buch. Aber meinem Peiniger gab ich keinen Namen, auch im Buch ist er ein anonymisiertes Etwas. Dass er Pfarrer war, habe ich aufgeschrieben. Wie es möglich war, dass er seine animalische Lust so lange an und in mir austoben konnte, habe ich versucht zu erklären. Doch seinen Namen kann ich bis heute nicht aussprechen. Mein Schulfreund erwähnte, fast beiläufig, dass er wegen des Pfarrers vor drei Jahren etwas unternommen und nun seinen “Seelenfrieden” gefunden hätte. Geschockt schrieb ich sofort zurück, fragte ihn, ober dieser Mensch mit ihm auch etwas gemacht hat. Ich war mir so sicher, dass ich der Einzige war! Mein Freund antwortete und schlug vor, dass wir miteinander telefonieren sollten. Heute Abend nun will er mich anrufen.

Ich werde mit ihm reden, ich werde diesem Gespräch nicht ausweichen. Ich werde nicht feige sein. Doch in mir herrscht Verzweiflung darüber, wie ein einfacher Brief eines fast vergessenen Freundes das mühsam errichtete Gebäude eines neuen Lebens wieder zum Einsturz bringen kann. Besonders schlimm ist es für mich, dass es offensichtlich auch Andere getroffen hat. Ich kann es nicht wirklich erklären, aber aus dem Wissen, dass ich das einzige Opfer war, zog ich Trost. Nun stelle ich mir vor, wie mein kleiner Freund litt unter dem ranzigen Körper eines pervertierten Mannes.

Ja, ich dachte, ich hätte abgeschlossen. Ich dachte es nicht nur, sondern glaubte auch, es so zu fühlen. Nun muss ich erkennen, dass ich mich selbst getäuscht habe.

Diese Erkenntnis ist niederschmetternd.

Geschrieben von jojoswelt am 29. April 2012 | Abgelegt unter Heute | 4 Kommentare

Die unendliche Geschichte

Das Praktikum wurde verlängert. Wieder ein kleiner Erfolg, doch wieder nur für begrenzte Zeit. Es zehrt an meinen Nerven, dass es kein klares Ja oder Nein gibt, sondern bestenfalls ein nebelhaftes “Vielleicht”. Wenn ich bei dieser Gelegenheit über das starre und ignorante Gebaren diverser Behörden nachdenke, wird mir einfach nur übel. Es macht mich wütend, dass da Leute in riesigen Palästen hocken, ihre Ärsche in bequeme Sessel quetschen und offenbar nichts Besseres zu tun haben, als den Menschen Steine in den Weg zu legen, von deren Abgaben sie ihre ungerechtfertigten Gehälter beziehen. In der freien Wirtschaft würde derartiges, destruktives und schädliches, Verhalten zur sofortigen Kündigung führen, und das zu Recht. Keine vernünftig kalkulierende Wirtschaft kann sich Personal leisten, dass nur Schaden anrichtet und sich obendrein noch durch Faulheit auszeichnet. Nur die Diener unseres Staates können es sich leisten, nichts zu leisten. Besonders verachtenswert finde ich es, dass sogenannte Mitarbeiter, denen doch mal zufällig Versagen nachgewiesen werden konnte, im schlimmsten Fall in einen anderen Sessel umgebettet werden. Ein Rausschmiss wegen Unfähigkeit ist mir jedenfalls noch nicht bekannt geworden. Das wäre doch mal ein Beitrag.

Nun läuft das Praktikum bis Ende Mai, die Entscheidung, wie es danach weitergeht, bleibt offen. Mein Betreuer in der Reha-Einrichtung ist, so sagt er, auf meiner Seite. Als er letzten Donnerstag in der Praxis war, haben wir ihm Informationen über die Inhalte der Qualifizierung mitgegeben, die überhaupt erst die Voraussetzung dafür ist, dass ich langfristig für die Praxis arbeiten kann. Er überflog kurz die Kopien und meinte dann, das würde ja einigermaßen den Vorstellungen der Rentenversicherung entsprechen. So betrachtet könnten die Chancen gut stehen, dass man mir die Ausbildung finanziert oder vielleicht sogar den Arbeitsplatz für eine gewisse Zeit fördert. Er versprach mir, mit der Dame von der Versicherung zu sprechen und ihr die Unterlagen zu zeigen. Am Freitag nun rief er mich an. Ich habe nicht alles verstanden, was er mir sagte, nur soviel, dass das der Behördentante wohl immer noch nicht ausreichte, um ihre von geduldigem Papier diktierte Auffassung zu ändern. Nun will sie, man höre und staune, eine Stellenbeschreibung haben. Noch weiß ich nicht, ist das wieder nur Schikane oder tatsächliches Entgegenkommen.

Ich weiß, was ich zu tun haben werde, wenn ich für die Praxis arbeite. Ich mache es jetzt schon. Ich habe nichts mehr mit Verrichtungen der Körperpflege zu tun, was mir sehr wichtig ist. Ich werde eine geregelte Arbeitszeit haben, für mich eine Lebensqualität, die ich so in meinen bisherigen Berufen noch nicht hatte. Ich weiß jetzt schon, dass ich gerne arbeiten werde in der Praxis, alles ist interessant und vielseitig, das Team ist einfach nur prima. Nicht zuletzt ist es eine Chance, von denen es nicht mehr viele geben wird für mich – wenn überhaupt. Die Praxis will mich, ich will die Praxis. Es könnte so einfach sein. Aber nun müssen wir eine Stellenbeschreibung kreieren, die den abartigen Vorstellungen einer Behörde entsprechen soll, die von der Realität des Arbeitsmarktes offensichtlich noch nie etwas gehört hat oder, noch schlimmer, diese ignoriert. Unter anderem, und das ist nur eine der Beamtenkriterien, soll ich nicht mehr in einem Beruf arbeiten, in dem ich soziale Kontakte habe …

Vielleicht sollte ich doch beantragen, als Leuchtturmwärter an einem stillgelegten Baggersee zu arbeiten.

 

 

Geschrieben von jojoswelt am 22. April 2012 | Abgelegt unter Allgemein | 2 Kommentare

Der Weg zum Buch

Wie lange würde es dauern, bis ein Verlag ein unaufgefordert eingesendetes Manuskript registriert und vielleicht sogar ein paar Zeilen daraus gelesen hätte? Würde er sich überhaupt die Mühe machen, die Ablehnung zu formulieren und auf den Weg zu bringen – oder lieber aus Kostengründen darauf verzichten?

Diese Fragen konnte ich mir stellen, weil ich mich inzwischen auf den Seiten diverser Verlage etwas belesen hatte und somit eine ungefähre Vorstellung davon bekam, dass deutschlandweit wahrscheinlich hunderttausende Manuskripte hoffnungsvoller Möchtegern-Autoren ungelesen im Schredder landeten. Was solls, dachte ich mir, dann hast du es wenigstens versucht. Der Frankfurter Verlag allerdings ließ mir nicht viel Zeit, mein armes Hirn mit diesbezüglichen Grübeleien zu quälen. Nach kaum drei Wochen kam die Zusage einer Inverlagnahme, der Autorenvertrag wurde gleich mitgeschickt. Ich hatte, als sattsam bekannte Symptomatik der Depression, so sicher mit einer Absage gerechnet, dass ich diesen für mich so umwerfenden Erfolg zunächst nicht realisieren konnte. Was macht der Depressive in einem solchen Fall? Er feiert nicht den Erfolg, sondern sucht den Haken an der Geschichte. Den fand ich, als ich den Vertrag etwas aufmerksamer durchlas. In einem der Paragraphen war beschrieben, wie man sich die Risikofinanzierung vorstellte. Ich sollte einen sogenannten Druckkostenzuschuss zahlen, in meinem Fall betrug die Summe 1300 Euro, viel Geld für einen kranken Arbeitslosen, der über keinerlei Ersparnisse verfügte. Wiederum belas ich mich auf einschlägigen Foren und bekam heraus, dass man mir ein extrem günstiges Angebot gemacht hatte. In anderen Fällen, so las ich, wurden schnell mal fünfstellige Beträge verlangt.

Was tun? Langsam kam eine kleine Freude, scheinbar war mein Trümmermann es tatsächlich wert, zu einem richtigen Buch zu werden. Die Summe könnte ich auftreiben, ich war dank meiner Frau, meiner Familie und guter Freunde nicht allein. Doch ich beschloss, nicht zu unterschreiben und erst einmal abzuwarten. Noch stand die Antwort des Projekte-Verlages in Person von Reinhardt O. Hahn aus. Die kam einige Wochen später. Reinhardt schrieb mir einen Brief, in dem er mir ebenfalls eine Veröffentlichung anbot. Ich besuchte die Homepage des Verlages und erfuhr, dass dessen Zuschussbeträge sich in einem ähnlichen Bereich bewegten. Die Entscheidung fiel mir nicht schwer. Reinhardt war mir schon einigermaßen vertraut, obwohl wir uns bisher nicht persönlich kennengelernt hatten. Ich sagte zu.

Später, als wir uns erstmals persönlich trafen, teilte mir Reinhardt mit, dass er in meinem Fall auf eine Zuzahlung verzichten würde. Der Trümmermann würde Teil einer Edition werden, für die er das gesamte Risiko trage. Ich konnte mein Glück kaum fassen.

Ein Schritt war getan, den ich bis zum heutigen Tag nicht bereut habe. Eine Tür wurde geöffnet zu einer Welt, die mir noch fremd war.

Ich betrat sie neugierig und nüchtern.

Geschrieben von jojoswelt am 15. April 2012 | Abgelegt unter Allgemein | 2 Kommentare

Ein Wort zum Sonntag

Es ist Sonntag. Es ist der Tag, den die Menschen als Tag des Herrn bezeichnen. Es ist der Tag zwischen den Wochen. Die vergangene mag mühsam gewesen sein, oder auch erfolgreich, oder beides. Mühsal, gekrönt vom Erfolg. Die Menschen erleben sie unterschiedlich, ihre ganz persönliche Woche. Manche sind froh, dass wieder eine vergangen ist. Sie können nichts Schönes entdecken in ihrer jüngsten Geschichte. Sie haben den Sinn nicht gefunden, den sie ihr so gerne gegeben hätten. Das macht sie traurig, das nimmt ihnen die Zuversicht, dass der morgige Montag besser beginnen möge. Den Sonntag begehen sie unterschiedlich. Manche nutzen ihn, um zu vergessen. Einige Menschen aber sagen sich, wenn die Woche nicht gut war, so mache ich meinen Sonntag, meinen freien Tag zu etwas ganz Besonderem. Dann gehen sie los und suchen die kleinen Dinge. Sie wollen nicht den großen Knall, die absolute emotionale Befreiung; nein, ihr kleines Glück suchen sie in der bescheidenen Schönheit des Alltäglichen.

Wenn sie einen Partner haben, betrachten sie ihn, erkennen seine Schwächen und wissen trotzdem, warum er ihr Leben bereichert. Sie sagen ihrem Partner, warum er ihnen wichtig ist. Sie sagen ihm, dass sie ihn lieben, auch wenn sie diese Liebe nicht immer zeigen können. Denn einst war sie jung, diese Liebe, sie war voller Träume und fand die passenden Worte, um sie bunt anzumalen. Heute aber droht sie, von der Last so vieler Wochen erschlagen zu werden. Deswegen, und weil es ein schöner Tag werden soll, sagen sie dem Partner die guten Worte. Sie ernten ein Lächeln und eine Umarmung.

Wenn sie keinen Partner haben, suchen sie die Nähe der Anderen. Mit Menschen kann man reden. Man muss es nur wollen. Diese Nähe macht ihnen ein großes Geschenk, es schenkt ihnen die Geborgenheit, einen Schoß voller Wärme. Sie können sich umgeben mit Zuneigung, sie können aber auch Zuneigung abgeben. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Ist er nicht allein an seinem Sonntag, hat er es gut. Ist es so einfach? Was tun die Einsamen?

Wenn sie einsam sind, die Menschen an ihrem Sonntag, haben sie es vielleicht gewollt. Sie möchten innehalten, eine Bilanz ziehen aus der vergangenen Woche, aus dem vergangenen Monat, aus den vielen bewegten Jahren ihres Lebens. Sie streifen die Last ab, die ihnen die Vergangenheit aufbürdete, atmen tief durch und leben nur den Augenblick. Sie richten ihren Blick zurück und entdecken ihre Fehler, ihre Verirrungen, ihre Schmach und ihre Niederlagen. Sie schauen genauer nach und finden die schönen Dinge, die sie das Leben immer wieder von vorn beginnen ließen. Beides legen sie auf eine Waage, der Sonntag ist dafür ein guter Tag. Sie sehen, nach welcher Seite sich die Waagschalen neigen. Das Ergebnis wird ihnen Ansporn sein.

Wenn sie einsam sind, die Menschen an ihrem Sonntag, und es nicht sein wollten, dann müssen sie nicht weinen. Dann stellen sie sich vor einen Spiegel und betrachten ihr Gesicht. Sie streifen ihre Maske ab und schauen hinter die Fassade. Wenn er ein guter Mensch ist, der Einsame, wird er ein Wunder schauen in seinem Spiegel. Wenn er schlecht handelte, andere Menschen verletzt hat oder auch nur sich selbst schadete, wird er es erkennen. Die Erkenntnis ist der Weg zum Sein. Wenn er den Mut hat, der Einsame, wird er morgen hingehen und dem ersten Menschen, dem er begegnet, ein leises Lächeln schenken. Die Welt wird es ihm danken. Ein schlechter Mensch gewesen zu sein heißt nicht, es auch zu bleiben.

Heute ist Sonntag, ein Tag voller Chancen.

Geschrieben von jojoswelt am 1. April 2012 | Abgelegt unter Heute | 3 Kommentare

Die verschleppte Depression

Die, sozusagen offizielle, Diagnose erhielt ich noch in der Klinik. Man nannte mich einen Patienten mit einer mittelgradigen, alkoholbedingten Depression. Im Krankenhaus nahm ich diese Diagnose gelassen hin. Sie überraschte mich nicht, denn dieser Zustand war nichts Neues. Bereits 1993 versuchte ich zum ersten Mal, mich und mein unausgesprochenes Elend mit Gewalt aus der Welt zu schaffen. Es gelang mir nicht. Ich überlebte, die Wochen danach waren die bisher traurigsten in meinem Leben. Ich trauerte und verzweifelte, weil ich lebte. Es war schrecklich.

Wenn ich also dieses Jahr meines ersten Suizids zugrunde lege, lebte ich meine Depression sage und schreibe 18 Jahre. Unbehandelt, denn behandeln ließ ich mich nie. Unerkannt, denn die Erkenntnis verbarg ich selbst vor mir. Ich wollte  einfach nicht wissen, was mich krank machte. Diese Wissen wäre das ungewollte Eingeständnis einer Niederlage gewesen. Diese Niederlage zu erkennen und anzuerkennen, hätte bedeutet, Konsequenzen zu ziehen. Die einzige Konsequenz wäre gewesen, nicht mehr zu saufen. Sie zu ziehen, war mir nicht möglich. Das lag  jenseits aller Vorstellung.

Alkoholbedingt? Die Ärzte liegen bestimmt nicht daneben mit dieser Einschätzung, aber ganz sicher bin ich mir da nicht. Klar, Alkohol und die Tatsache, dass er mir im Laufe so vieler Jahre zur einzigen Freude wurde, machten mich zu einem armen Menschen. Die Ursachen jedoch, die lagen tiefer. Gefunden habe ich sie, indem ich den Trümmermann schrieb. Jedenfalls wundert es mich nicht, dass für mich die Zauberformel keine Gültigkeit hat, die da lautet: Alkohol weg = Depression weg. Diese Gleichung findet in mir keinen gemeinsamen Nenner und somit auch kein Ergebnis, das zufriedenstellend wäre.

Ich war zu Hause und zu dem Zeitpunkt, an dem ich meine Manuskripte verschickte, gute 8 Monate nüchtern. Der Körper gesundete weiter, obwohl noch weit entfernt von Gesundheit. Der Geist aber, der blieb krank. Aus meinen Tagebüchern ein vorzeigbares Manuskript zu fertigen, ja, diese Tagebücher überhaupt zu schreiben, den Mut zu finden, sie anzubieten – das allein war ein wichtiges Projekt für mich. Wichtig deshalb, weil ich mich nicht nur zu einer schweren Arbeit entschlossen hatte, sondern diese vor allem auch zu einem Ende brachte. Die elende Sucht, die ich lebte, verhinderte derartige Leistungen nachhaltig, zumindest in den letzten 20 Jahren. Die Tatsache allein, dass ich endlich mal wieder etwas auch zu Ende brachte, hätte mir Anlass sein können (oder müssen?), eine wenigstens stille Freude zu empfinden. Nichts davon empfand ich, nicht einmal eine kleine Befriedigung. Stattdessen beschäftigten sich meine Gedanken, vor allem in den immer noch gefürchteten Nächten, mit einer Zukunft, die ich mir immer noch nur in den schwärzesten Farben ausmalen konnte.

Die Depression ist eine heimtückische Krankheit. Sie missgönnt ihrem Opfer den Erfolg. Sie sagt ihm, dass er nichts wert ist. Sie verbietet ihm die Hoffnung. Sie raubt ihm das Glück. Sie flüstert ihm ein, dass sein Leben nichts wert ist. Sie macht Trauer zum ewigen Zustand. Sie droht, den Mut zum Leben zu vernichten. Sie ist krank, die Depression, und sie macht krank. Sie lässt sich schwer fangen, denn sie ist unsichtbar. Eine Fleischwunde behandelt sich leichter. Das Schlimmste aber ist, dass sie ihrem Opfer untersagt, darüber zu reden.

Dieser Heimtücke galt es zu begegnen. Medikamente nahm ich schon; Cipralex, Melperon und Mirtazepin, um sie auch einmal beim Namen zu nennen.

Ich merkte bald, dass das nicht reichen würde.

Geschrieben von jojoswelt am 31. März 2012 | Abgelegt unter Leben | 2 Kommentare

Das geteilte Manuskript

Da stand es nun, dieses Leben am Rande des Abgrundes, säuberlich aufgeschrieben von einem, der das nur konnte, indem er der Hauptperson eine andere Identität verlieh. Eine schwere Arbeit wurde getan, eine schwere Arbeit wurde beendet. Doch es sollte sich noch herausstellen, dass dieser eingeschlagene Weg wieder nur ein Anfang war.

Ich rief mir die Worte meines Elbingeröder Therapeuten wieder ins Gedächtnis, der mich eines Tages fragte, ob ich jemals daran gedacht hätte, aus dem Tagebuch ein “kleines Büchlein” zu machen. Ich bewegte diese Worte, betrachtete sie von allen Seiten, wollte für mich erkunden, wie realistisch ein solches Vorhaben wäre. Um für ein gutes Buch zu taugen, muss man doch mindestens Literatur studiert haben, oder Journalist sein, oder Germanistiker, oder sonstwas? Diese Fragen stellten sich mir. Es ist mir klar, dass ich mich wiederhole, aber ein Mensch mit mangelndem Selbstvertrauen muss sich solche Fragen stellen, es geht gar nicht anders. Dieses Leben, das da nun endlich geschrieben stand, dieses Leben war meine Geschichte. Dieses Leben formte mich, machte mich zu dem, der ich heute war. Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern, aber sie gibt uns immer die Möglichkeit, aus ihr zu lernen. Die Vergangenheit kann man vergessen oder verdrängen oder wenigstens in einer Schublade verstauen, die nicht ständig vom Bewusstsein geöffnet wird. Aber es ist nicht gut, das zu tun. Es kann schaden, es kann sogar töten. Denn die Vergangenheit beeinhaltet alle Fehler, die wir einmal gemacht haben, alle Verirrungen und sämtliche schmerzhaften Erfahrungen. Manche dieser Fehler zu wiederholen, würde für mich den unausweichlichen Niedergang bedeuten, am Ende gekrönt durch ein unwürdiges, dreckiges Sterben. Vergessen kann tödlich sein für einen Alkoholiker. Vergessen heißt, ich trinke wieder, früher oder später. Und die Agonie, die darauf folgen würde, wäre eine endlos lange. Der schnelle Tod ist nicht die Regel.

Also, auf der einen Seite stand meine Geschichte, auf der anderen Seite die hohen Ansprüche eines Gengres, mit dem ich in meinem Leben noch nie zu tun hatte und dessen Spielregeln mir weitestgehend unbekannt waren. Wem bietet man ein Buch an? Wie bietet man es an? Wie erhöht man die Chancen seines Werkes, in einem Markt unterzukommen, der nach meinem einfachen Verständnis längst schon hoffnungslos übersättigt war? Welche Bedingungen sind zu erfüllen? Wie erreiche ich, dass mein Manuskript nicht eines von vielen ist, das unbeachtet im Reißwolf landet? Würde mein bescheidenes handwerkliches Können den hohen Ansprüchen genügen? Diese Fragen bohrten in mir. Lange dauerte es, bis ich mich entschloss, das unfruchtbare Grübeln zu beenden und endlich zu handeln. Wozu gab es denn das Internet, die zeitgemäße Quelle allen Wissens?

Zunächst recherchierte ich, was Reinhardt O. Hahn, mit dem ich während des Klinikaufenthaltes in Briefkontakt stand, im heutigen Leben so trieb. Vage und nebenbei hatte ich erfahren, dass er einen eigenen Verlag hat, doch mangels besserer Kenntnis ging ich lediglich davon aus, dass er sein Buch in einem kleinen Eigenverlag zu vertreiben sucht. Was ich fand im allwissenden Netz, überraschte mich doch sehr. Der “Projekte-Verlag” war beileibe keine klägliche Ich-AG, sondern ein renommiertes mittelständiges Unternehmen mit fast 40 Mitarbeitern, das auf seiner noblen Homepage ankündigte, in wenigen Wochen sein zwanzigjähriges Bestehen zu feiern. Der Respekt, der dadurch in mir entstand, war fast schon wieder zu groß, um mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Ich beschloss daher, meinen privaten Kontakt zu Reinhardt O. Hahn zu nutzen und ihm meine Geschichte direkt anzubieten. Ich schrieb ihm eine Mail, in der ich ihm kurz erläuterte, dass ich mit dem Gedanken spiele, mein Leben der Öffentlichkeit in Form eines Buches zugänglich zu machen. Am Ende fragte ich ihn, ob ich ihm das Manuskript schicken dürfe. “Warum denn nicht, schließlich ist das meine Arbeit als Verleger …” schrieb er mir nach nur wenigen Tagen zurück, ich solle es ihm ruhig zukommen lassen.

Da ich aber fest mit einer schließlichen Ablehnung rechnete, schickte ich eine Abschrift des Manuskriptes noch an einen Frankfurter Verlagshaus. Ich wollte zwei Begründungen haben, warum mein Werk nichts taugt.

Eine allein würde mir nicht reichen.

Geschrieben von jojoswelt am 27. März 2012 | Abgelegt unter Leben | Ein Kommentar

Der Trümmermann im Jugendarrest

Vor einigen Monaten meldete sich die Mitarbeiterin einer Jugendarrestanstalt bei mir und fragte an, ob ich auch für ihre spezielle Klientel eine Lesung mit dem Trümmermann machen würde. Natürlich sagte ich zu. Sie bedankte sich und teilte mir dann mit, dass sie den geeigneten Termin noch abwarten müsste. “Wovon ist das abhängig?”, wollte ich wissen. “Davon, wieviele gerade einsitzen”, war die einigermaßen logische Antwort, “es bringt nicht viel, wenn ich nur zwei oder drei Leute hier habe.” “Das klingt plausibel”, meinte ich nur, und wir verabredeten, dass sie sich wieder bei mir melden würde.

Heute nun war es soweit. Offensichtlich waren die Zellen gut gefüllt. 9:00 Uhr war die verabredete Zeit, eine Viertelstunde vorher betrat ich den “Roten Ochsen”, eine JVA, die nicht nur während der Nazizeit, sondern auch im ach so glorreichen Sozialismus traurige Berühmtheit erlangte. Selbst bei den Bürgern, die nicht in die gierigen Fänge der allgegenwärtigen Stasi gerieten, war diese Einrichtung gefürchtet. Alles, was in ihr geschah, sollte nie die dicken Mauern verlassen, und trotzdem wusste jeder Bescheid über das unsägliche Repertoire an Demütigungen, denen vor allem auch die politischen Gefangenen ausgesetzt waren.

Die Mitarbeiterin, Frau R., holte mich persönlich am Tor ab. Ich gab meinen Ausweis ab, dann begaben wir uns in den Raum, in dem die Lesung stattfinden sollte. Es war noch keiner der jugendlichen Straftäter anwesend. Wir nutzten die Zeit, um uns ein wenig kennenzulernen. Frau R. stellte viele Fragen, sie wollte mehr über mich und mein Anliegen erfahren. Dann gab sie mir einige interessante Informationen über die Einrichtung und über die derzeitigen Insassen. Die meisten, sagte sie, haben ein akutes Problem nicht nur mit einem Suchtmittel, sondern mit der gefährlichen Kombination aus Drogen und Alkohol. Als ich das hörte, wusste ich sofort, welche Stelle aus dem “Trümmermann” ich lesen würde. Dort beschreibe ich eine Begebenheit, die eine Aussage darüber trifft, wie ich mich typischerweise im Vollrausch verhalten habe, und wo geschildert wird, wann und warum ich das erste Mal mit der Medikamentengruppe der Benzodiazepine in Kontakt kam. “Die Jungs sind nicht unbedingt diszipliniert, ich kann also nicht genau einschätzen, wie sie auf die Lesung reagieren werden”, informierte mich Frau R. noch, bevor sie den Raum verließ und ihre Schützlinge einsammelte. Ich blieb ruhig und vertraute auf meine Erfahrungen, die ich in ähnlichen Einrichtungen schon sammeln konnte. Im Zweifelsfall würden wir das Ganze abbrechen, aber ich glaubte zu wissen, dass es dazu nicht kommen würde.

Schließlich füllte sich der Raum. Als alle anwesend waren, eröffnete Frau R. die Veranstaltung mit einer kurzen Ansprache. Dann übergab sie das Wort an mich. Ich begrüßte die Jungs und wollte zunächst von Ihnen wissen, wer von Ihnen schon einmal an einer Lesung teilgenommmen oder überhaupt eine Vorstellung davon hat. Ich kannte die Antwort, und erwartungsgemäß schüttelten alle den Kopf. Einer meinte, dass man da “was vorgelesen bekommt”. “Ihr müsst keine Angst haben”, beruhigte ich die Anwesenden, “gelesen wird hier nur ein Kapitel, das dauert vielleicht 10 Minuten. Ich werde Euch einfach erzählen, wer ich bin, woher ich komme und was mein Leben bis zum heutigen Tage ausgemacht hat. Ich werde Euch etwas über das Thema Sucht erzählen, werde aber hier nicht mit einer moralischen Keule um mich schlagen, sondern einfach die Dinge beim Namen nennen.” Dann begann ich.

Jede Lesung ist anders, es gibt keine Routine, aber der erste Satz, den ich immer sage, lautet: “Mein Name ist Joachim Schwarze. Ich bin Alkoholiker und abhängig von Betäubungsmitteln.”

Die Befürchtungen, die Disziplin betreffend, bestätigten sich nicht. Es blieb absolut ruhig. Als ich zum Ende kam, entwickelte sich eine rege und sehr offene Diskussion. Einige schilderten ähnliche Erfahrungen, entweder selbst gemachte oder im Familienkreis erlebte.

Die Veranstaltung dauerte über zwei Stunden. Dann verabschiedeten wir uns. Ich wünschte den Jugendlichen, dass sie es schaffen mögen, einen geradlinigen Lebensweg für sich zu finden. Zwei von ihnen wünschten mir Kraft für meinen Weg, bevor sie in ihre Zellen zurückgeführt wurden. Sie bekundeten mir ihren ehrlichen Respekt.

Das ist eine Auszeichnung, eine Auszeichnung von Straftätern, wertvoller als jeder noch so tolle Verdienstorden und für mich nicht mit allem Geld der Welt aufzuwiegen.

Heute hat meine Frau Geburtstag. Ich schenke ihr den “König der Löwen” in Hamburg. In einer Stunde gehe ich zu einer Weiterbildungsveranstaltung. Am Abend, wenn ich wieder zu Hause sein werde, werde ich sagen: Heute war ein schöner Tag.

 

 

Geschrieben von jojoswelt am 21. März 2012 | Abgelegt unter Heute | 2 Kommentare

“Meine Tränen kullern nicht mehr”

Die Praxis, mein Praktikumsbetrieb, hat sich in den fast 20 Jahren ihres Bestehens einen beeindruckenden Patientenstamm erarbeitet. Deswegen gibt es heute nicht nur Sprechstunden in der angestammten Adresse, sondern auch in einer Nebenstelle und in einigen großen Pflegeheimen der Stadt. Von Beginn an hat es sich eingebürgert, dass ich die Ärztin zu diesen Außenterminen begleite und sie dabei, soweit es mir möglich ist, nach Kräften unterstütze.

In dem Pflegeheim, in dem wir uns am Freitag befinden, werden extra für die wöchentlich stattfindende Visite Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt. Es gibt ein kleines Wartezimmer, ein noch kleineres Arztzimmer und ein “Labor”, das diesen Namen nicht wirklich verdient, aber durchaus seinen Zweck erfüllt, wenn man in der Lage ist, etwas zu improvisieren. Die angemeldeten, gehfähigen Patienten sind bereits anwesend, als wir gegen 7:00 Uhr unsere Behelfspraxis betreten. Es ist das dritte Mal, dass ich dabei bin, und die gröbsten Arbeitsabläufe beherrsche ich inzwischen so, dass ein relativ zügiger Ablauf gewährleistet ist. Natürlich geht das noch besser, aber ich bin auf einem guten Weg, denke ich. Nach kaum zwei Stunden sind wir fertig, packen unseren Kram zusammen und lassen uns von der verantwortlichen Schwester des Heimes die Namen derjenigen geben, die wir nur auf ihrem Zimmer besuchen können. Es sind drei Bewohner. Bei den ersten beiden führen wir  eine Routinekontrolle durch, die Parameter der Blutgerinnung werden kontrolliert. Dafür gibt es ein mobiles Diagnosegerät, das ich inzwischen sicher bedienen kann. So geht es schnell, und wir nehmen den Fahrstuhl in die 9. Etage, um unsere letzte Patientin zu besuchen. Diese hat ein Problem der besonderen Art:

“Hallo, meine Liebe”, begrüßt meine Ärztin die alte Frau, die weit über 85 Jahre alt ist, aber von ihrer äußeren Erscheinung noch ziemlich rüstig wirkt. “Wie geht es Ihnen?” Die Ärztin pflegt einen überaus freundlichen, sanften und teilnehmenden Umgangston mit ihren Klienten, sie strahlt dabei eine menschliche Wärme aus, die nicht gespielt ist, sondern ihrem eigenen Wesen entspricht. Daher wundert es mich nicht, dass sich auf das Gesicht der Frau zunächst ein breites Lächeln zaubert, bevor sie antwortet. “Mir geht es soweit ganz gut, Frau Doktor, ich kann eigentlich nicht klagen.” Einen Moment scheint die Patientin, nennen wir sie mal Frau S., zu überlegen, bevor sie wieder das Wort ergreift. “Also, ich weiß gar nicht, ob das was Schlimmes ist, aber mit meinen Augen stimmt was nicht.” Die Ärztin nickt ihr aufmunternd zu. “Was ist denn mit Ihren Augen nicht in Ordnung?” Frau S. wirkt fast verlegen, benötigt einen Moment, um sich zu sammeln. “Meine Tränen kullern nicht mehr”, antwortet sie und richtet ihren Blick wieder auf die Ärztin. “Ich weiß, ich bin eine alte Frau und habe mein Leben gelebt”, fährt sie fort, “aber der Herrgott hat nun mal bestimmt, dass ich noch auf dieser Erde bleiben soll. Wer weiß, wie lange mir noch bleibt, doch das liegt allein in seiner Hand. Also, ich akzeptiere seinen Willen und versuche, das Beste draus zu machen. Und so versuche ich, noch am Leben teilzunehmen, auch wenn ich nun als pflegebedürftiger Mensch in einem Heim leben muss und auf fremde Hilfe angewiesen bin. Aber ich will Sie nicht mit meinen Geschichten langweilen, Frau Doktor. Sie haben heute bestimmt noch viel zu tun.” Die Ärztin lächelt Frau S. aufmunternd zu. “Nein, nein, das ist schon in Ordnung. Schildern Sie mir bitte genau, was Sie für ein Problem mit Ihren Tränen haben.”  Dankbar erwidert Frau S. das Lächeln. “Wissen Sie, ich war schon immer ein Mensch, der zu seinen Gefühlen steht, und das hat sich nicht groß geändert, bloß weil ich alt geworden bin. Wenn ich traurig war, weinte ich. Wenn ich etwas sehr Schönes erleben durfte, weinte ich auch, aber dann aus Freude. Das hat sich bis heute nicht geändert, aber seit einigen Wochen schon kullern meine Tränen nicht mehr, wenn ich weinen will. Sie sind einfach weg, und ich weiß nicht, warum das so ist. Es ist so ungewohnt, Frau Doktor, und es stört mich sehr. Wenn ich nicht weinen kann, geht es mir schlecht. Können Sie mir helfen?”

Die Ärztin stellt Frau S. einige Fragen, um das Problem genauer einzugrenzen. Frau S. ist wirklich noch gut orientiert, antwortet auf alle Fragen klar und strukturiert. So fällt es der Ärztin leicht, einen Behandlungsplan festzulegen. Diesen teilt sie Frau S. am Ende des Gepräches mit. Sie wird der Schwester auch eine Überweisung zum Augenarzt mitgeben, damit eine genauere Diagnose gestellt werden kann. “Leider, liebe Frau S., wird das mit dem Termin beim Augenarzt nicht so schnell gehen, wie wir uns das wünschen. Bis dahin müssen Sie sich, soweit es Ihnen möglich ist, in Geduld üben.” “Ich weiß”, erwidert Frau S., “ich bin ja schon dankbar, dass Sie mir zugehört haben und mir geholfen wird.”  Ich notiere auf meinem Zettel, dass die Überweisung noch geschrieben werden muss. Währenddessen scheint die Ärztin zu überlegen. Dann ergreift sie sanft die Hand der alten Frau. “Sie müssen nicht auf Ihre Gefühle verzichten, bloß weil die Tränen nicht kullern wollen. Verstehen Sie, was ich meine?” Frau S. zögert einen kurzen Moment, ich kann förmlich sehen, wie sie das soeben Gehörte zu verarbeiten sucht. Dann ist es, als ob ein inneres Leuchten ihr altes Gesicht verjüngt. “Oh, ja, ich glaube, ich verstehe, was Sie meinen. Ja, wozu hat der Herrgott uns Menschen eine Seele gegeben? Wenn ich außen nicht weinen kann, weine ich eben innen weiter. Wenn die Tränen aus meinen Augen nicht mehr kullern wollen, lasse ich eben meine Seele weinen. So wird es gehen. Meine Seele, das bin doch ich, oder? Ich werde es so versuchen, Frau Doktor, und so kann ich weiter weinen, egal ob aus Freude oder Trauer. Ich danke Ihnen aus ganzem Herzen!”

Wir nehmen Abschied von der alten Frau. Tief berührt reiche auch ich ihr die Hand zum Abschied.

Dafür liebe ich diesen Beruf.

 

Geschrieben von jojoswelt am 18. März 2012 | Abgelegt unter Heute | Kommentare deaktiviert

Fünf Wochen Achterbahn

Augen zu und durch, sagen die Menschen, wenn sie eine Arbeit beginnen wollen, die  ihnen nicht behagt oder ihnen aus anderen Gründen schwierig erscheint. Tu es einfach, Mann, und bring es zu Ende, sagte ich mir, vor mir Tastatur und Bildschirm, neben mir die Hefte, die ein halbes Leben bargen. Zögernd berührte ich die Tasten und beobachtete mit morbider Faszination, wie sich die ersten Sätze bildeten. Meine Finger gewöhnten sich allmählich an diese Arbeit, schnell und schneller hämmerten sie ganze Sätze. Die Mechanik des Schreibens war relativ simpel, doch die inhaltliche Widerspiegelung bereitete mir nach wie vor große Probleme. Ich wollte schreiben, aber ich wollte nicht dabei sein – ein echtes Problem, das nach einer Lösung schrie.

In dem Beruf eines Krankenpflegers, in dem man oft mit schwerkranken und sterbenden Menschen umgeht, gibt es ein Phänomen, an dem schon einige zerbrochen sind. Viele Patienten begleitet man über sehr lange Zeit, nicht selten sind es Jahre. Als Pflegender dringt man, ob man es will oder nicht, in die intimsten Sphären eines Menschen ein, und damit meine ich nicht nur den körperlichen Aspekt. Sehr oft entwickeln sich außergewöhnliche Vertrauensverhältnisse, tausendfach habe ich es erlebt, dass mir Gedanken mitgeteilt wurden, zu denen mitunter nicht einmal die engsten Angehörigen Zugang haben. Es liegt nahe und ist nur natürlich, dass sich freundschaftliche Gefühle entwickeln. Wenn diese Menschen aber ihren letzten Weg gehen, oft viel zu jung, stirbt der Pflegende diesen Tod mit, wenn er es nicht irgendwie schafft, einen gesunden Abstand zu halten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis eines Tages der Tod gestorben wird, der zuviel ist. Der Pflegende hält es nicht mehr aus, wird krank und braucht selbst alle Hilfe, die er kriegen kann. Oft aber kommt jede Hilfe zu spät, und es bleibt nur die Aufgabe des Berufes. Um diesem Problem zu begegnen, muss man etwas lernen, was meines Wissens an keiner Pflegeschule gelehrt wird. Ich nenne es “Professionelle Distanz”. Es ist eine unglaubliche Gratwanderung zwischen Schwarz und Weiß, das Grau dazwischen ist kaum zu sehen. Diese Grau aber gilt es zu finden, es ist ein schwieriger Balanceakt widerstreitender Emotionen.

Das war sie, die Lösung. Was im Beruf funktioniert, sollte doch auch beim Schreiben klappen. Ich versuchte es mit einem Trick. Ich gab der Hauptfigur meiner Hefte in Gedanken eine andere, fremde Identität. Das Leben dahinter, die Geschichte der Figur klammerte ich aus aus meinem Denken. Ich beschrieb also das Schicksal eines Anderen. Ich schrieb über einen Patienten. Ich freute mich, über ihn schreiben zu dürfen, denn ich kannte das Ende der Geschichte: er würde überleben.

Fünf Wochen tat ich nichts anderes, als zu schreiben. Es war mehr oder weniger ein Abschreiben, ich änderte nur, wo ich Wiederholungen bemerkte, korrigierte Fehler in Rechtschreibung und Grammatik. Nichts ließ ich weg, obwohl die Versuchung nicht nur einmal groß war. Nichts fügte ich hinzu. Mein Versuch, den nötigen Abstand zu halten, klappte leider nicht immer. Gefühle lassen sich nicht abschalten wie eine Maschine. Doch im Großen und Ganzen griff mein Konzept. Nach 35 Tagen setzte ich den letzten Punkt.

In diesen Wochen fuhr ich Achterbahn, das ließ sich nicht ganz vermeiden.

Aber ich flog nicht aus der Gondel.

Geschrieben von jojoswelt am 11. März 2012 | Abgelegt unter Leben | 4 Kommentare

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