Verfluchte Vergangenheit
Eigentlich hatte ich heute vor, weiter aus den vergangenen zwei Jahren zu berichten. Sie waren ereignisreich und bedeuteten einen grundsätzlichen Wandel meines Lebens, zumindest aber den Beginn eines Wandels. Ich werde dieses Vorhaben nicht aufgeben, ich werde erzählen von dem, was war. Ich werde den schwierigen Weg eines Alkoholkranken weiter illustrieren mit all seinen Licht- und Schattenseiten. Aber heute kann ich das nicht, denn die Vergangenheit hat mich eingeholt. Sie hat mich für Tage sprachlos gemacht und ein heilloses Chaos in mir angerichtet, von dem ich hoffte, es nie wieder so erleben zu müssen.
Als ich mein Buch, meinen Trümmermann schrieb, tat ich das, um mir selbst zu helfen. Dieser Akt schonungsloser Aufarbeitung sollte mir die Wahrheit bringen, die Wahrheit eines Lebens unter Stoff. Ich wollte die Gründe wissen, die mich dahin führten, wo ich nach langen Jahren elenden Siechtums gelandet war: gestrandet in einer Suchtklinik als körperliches und seelisches Wrack, nicht mehr lebensfähig und des Lebens überdrüssig. Funktioniert hat es, ich habe sie gefunden, die Ursachen, die sowohl in meiner Persönlichkeit als auch in äußeren Umständen zu finden waren. Manchmal dachte ich, es ist kein Wunder, dass ich angefangen habe zu saufen und nicht mehr damit aufhören konnte. Dann aber hielt ich inne und appellierte an mein Bewusstsein, es sich nicht zu einfach zu machen. Eine sehr gute Freundin hat mir einmal geschrieben, dass nichts verantwortlich ist für das, was ein Mensch tut. Denn die Entscheidung zur Tat, sei sie nun gut oder schlecht, trifft der Mensch allein. Fast immer hat er die Option, das Richtige zu tun. Ich habe mir diese Meinung zu eigen gemacht. Ich sage heute jedem, der es hören will, dass ich, egal wie misslich die Umstände auch waren, immer die Chance hatte, mich für ein Leben in Würde zu entscheiden. Und vor allem sage ich es mir selbst.
Ich bin also fündig geworden in meinem Leben. Der mechanische Akt des Schreibens half meiner sehr lückenhaften Erinnerung auf die Sprünge. Lange Verdrängtes, nur zu gern Vergessenes, oft Verleugnetes schrieb ich auf geduldiges Papier. Am Ende konnte ich mich besser verstehen und hatte damit mein Ziel erreicht. Als ich den letzten Punkt setzte, war es, als ob ich eine Tür hinter mir schloss, eine Tür zu einem Raum, den ich am liebsten nie wieder betreten wollte. Und ich dachte tatsächlich, ich hätte endlich meinen Frieden gemacht. Ich dachte, ich könnte ein neues Leben beginnen ohne den Ballast der Vergangenheit. Ich dachte, ich hätte mich endlich befreit von den Fesseln, die mich an freier Bewegung hinderten. Ich habe falsch gedacht.
Vor einigen Tagen erhielt ich überraschend einen Brief von einem alten Schulfreund, der von meinem Buch erfahren und es gelesen hat. Natürlich ist ihm das Kapitel nicht entgangen, in dem ich beschreibe, was die abartigen Gelüste eines pädophilen Mannes mit dem Körper eines kleinen Jungen gemacht haben, mit seinem Körper und mit seiner Seele. Über Jahre hinweg und unbemerkt. Denn ich hielt den Mund, ich schwieg damals und brach dieses Schweigen erst im Buch. Aber meinem Peiniger gab ich keinen Namen, auch im Buch ist er ein anonymisiertes Etwas. Dass er Pfarrer war, habe ich aufgeschrieben. Wie es möglich war, dass er seine animalische Lust so lange an und in mir austoben konnte, habe ich versucht zu erklären. Doch seinen Namen kann ich bis heute nicht aussprechen. Mein Schulfreund erwähnte, fast beiläufig, dass er wegen des Pfarrers vor drei Jahren etwas unternommen und nun seinen “Seelenfrieden” gefunden hätte. Geschockt schrieb ich sofort zurück, fragte ihn, ober dieser Mensch mit ihm auch etwas gemacht hat. Ich war mir so sicher, dass ich der Einzige war! Mein Freund antwortete und schlug vor, dass wir miteinander telefonieren sollten. Heute Abend nun will er mich anrufen.
Ich werde mit ihm reden, ich werde diesem Gespräch nicht ausweichen. Ich werde nicht feige sein. Doch in mir herrscht Verzweiflung darüber, wie ein einfacher Brief eines fast vergessenen Freundes das mühsam errichtete Gebäude eines neuen Lebens wieder zum Einsturz bringen kann. Besonders schlimm ist es für mich, dass es offensichtlich auch Andere getroffen hat. Ich kann es nicht wirklich erklären, aber aus dem Wissen, dass ich das einzige Opfer war, zog ich Trost. Nun stelle ich mir vor, wie mein kleiner Freund litt unter dem ranzigen Körper eines pervertierten Mannes.
Ja, ich dachte, ich hätte abgeschlossen. Ich dachte es nicht nur, sondern glaubte auch, es so zu fühlen. Nun muss ich erkennen, dass ich mich selbst getäuscht habe.
Diese Erkenntnis ist niederschmetternd.
Geboren am 18.06.1963 in Halle. Nach Schulabschluss Tätigkeiten als Elektro-maschinenbauer, Veranstalter, Jugendklubleiter, Hilfspfleger, Krankenpfleger und Pflegedienstleiter. Verheiratet in zweiter Ehe, vier Kinder.
Alkoholabhängig seit dem 16. Lebensjahr, später zusätzlich Medikamenten- und Betäubungsmittelmissbrauch. Endgültiger Zusammenbruch Ende 2009. Nach längerem Klinikaufenthalt auf der Suche nach neuen Perspektiven.